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Marcus Haas

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Subcity (4. Teil)

„Das war’s dann was?“
Jens nickte, das war alles was sie machen konnten. Nun blieb ihnen nur noch das Warten. Warten darauf, dass sie gerettet wurden oder darauf, dass die beschädigte Struktur endlich nachgab und sie sterben würden.
Jens ging zu Maren, sie hatte die Situation scheinbar im Griff, die verletzten waren so gut es ging versorgt. Die vom Blut durchweichten Bandagen wurden von Zeit zu Zeit gewechselt, die zerschmetterten Knochen waren geschient worden.
Maren wandte sich flüsternd an Jens. „Ich glaube wir werden ihn verlieren.“
Jens wusste sofort, wen sie damit meinte. Jens wagte kaum einen Blick auf den Mann zu werfen, dessen linkes Bein in einem blutigen Stumpf endete. Die Verbände waren braun mit trocknendem Blut, aber die Wunde war nicht zu schließen. Das Bein war abgebunden und begann blau anzulaufen, obwohl der Gürtel von Zeit zu Zeit geöffnet wurde.
Jens nickte. Er hatte das Gefühl, dass dieser Mann nicht der einzige sein würde, der im Laufe nächsten der Stunden sterben würde.
„Ich habe Angst.“
„Die habe ich auch Maren.“ Gab Jens zu.
„Und ich weiß nicht, wo Rachid ist.“
Jens nahm die junge Frau in seine Arme, sie hatte die letzten zwei Stunden ununterbrochen gearbeitet, ohne nur eine Sekunde an sich selbst zu denken. Jetzt erste brach es aus ihr heraus, sie weinte hemmungslos.
Jens hielt sie fest, er wusste nicht, was er sagen konnte um ihr den Schmerz nehmen, es gab nichts womit er sie hätte trösten können. Hilflos klopfte er ihr sachte auf den Rücken, während er spürte, dass ihre Tränen sein T-Shirt trafen.
Endlich verebbte ihr Schluchzen. Sie sah auf, und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie schluckte. „Genug.“ Bestimmte sie entschlossen. „Wir müssen uns um unsere Rettung kümmern.“
Jens war überrascht von der Stärke dieser Frau.
„Was ist mit eurer Nachricht?“
„Wir haben gleich drei raufgeschickt, das Salzwasser wird die Notrufsender aktivieren.“
„Also weiter. Wir müssen noch ein paar Leben retten.“
Jens musste lächeln, als sie sich aus seinen Armen wandte.
Dann kreischte das Metall, wie ein verwundetes Tier. Jens spürte, wie sich die Station leicht neigte. Das waren die Stelzen, sie mussten beschädigt worden sein. Wenn sie jetzt nachgaben, würde ihre Röhre mit Sicherheit platzen und das Wasser würde sie alle zerquetschen.
Aber das Schreien des gequälten Metalls verebbte wieder nach einigen Sekunden, als sich ein neues instabiles Gleichgewicht einstellte.
„Ich muss hier raus!“ Schrie einer der Touristen. Jens hatte sich schon gewundert, wie lange es dauern würde bis hier unten eine Panik ausbrechen würde. Jens sprang wieder auf die Füße und sprang schnell auf den Mann zu, bevor dieser die Luke erreichen konnte. Nicht dass er eine Chance gehabt hätte die Verriegelung gegen den unbarmherzigen Druck da draußen zu öffnen, aber Jens wollte nicht, das sich den Mann verletzte, oder gar andere Mitgefangene auf dumme Gedanken brachte.
„Ganz ruhig!“ Er stellte sich dem Mann in den Weg. „Man wird uns hier rausholen.“
„Ich halt das nicht mehr aus!“ Er trommelte mit den Fäusten gegen das kalte Schott, völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass dahinter der sichere Tod wartete.

Manal folgte dem Funksignal, um genau zu sein den drei Notrufsendern, die vor einigen Minuten aufgetaucht waren. Er wusste noch nicht, ob es sich dabei um Rettungsinseln handelte, aber irgend etwas hatte die Signale ausgelöst. Es bestand also die Möglichkeit, dass es noch überlebende gab.
Nach den Verwüstungen, die er und Mosi an der Küste beobachtet hatten war es gut wieder etwas Hoffnung hegen zu können.
Es dauerte höchstens eine halbe Stunde, dann tauchte in der Ferne etwas auf. Zuerst dachte Manal, es sei ein kleines Fischerboot, aber die hatten keine Notrufsender. Erst als sie näher kamen, erkannte er, dass es sich um ein kleines U-Boot handelte, an Deck wartete schon ein Mann, der das Patrouillenboot wahrscheinlich schon von weitem erkannt hatte.
Mit vertrauter Präzision brachte Manal sein Schiff längsseits, und Mosi warf dem Mann ein Tau zu, um die beiden Boote zu vertäuen.
„Jambo.“ Begrüßte Manal den Mann, als er sich zu ihm über die Reling beugte.
„Sijambo.“ Antworte Ahmed aus alter Gewohnheit. Dann nahm er eines der drei Pakete aus dem Wasser neben seiner kleinen schwimmenden Arbeitsplattform und reichte es hinüber.
„Das ist aus Subcity.“ Rief er. „Wir müssen die Menschen da unten retten. Ich weiß nicht wieviel Zeit wir noch haben.“
„Wieviele sind da unten eingeschlossen?“ Erkundigte sich Manal professionell und signalisierte Mosi, das Funkgerät zu holen.
„Das weiß ich nicht so genau. Einige Teile scheinen überflutet zu sein, aber es könnten noch einige im Hauptteil überlebt haben.“
„Und du bist?“
„Ahmed. Ich habe den Aufbau der Methanförderanlage überwacht.“
„Gibt es da überlebende.“
„Nein. Da wo die Anlage war ist nur noch ein riesiger Krater.“
Manal nahm das Funkgerät und stellte die Frequenz ein. „Hier ist Manal auf der Coastguard 2, wir ...“ er stockte. „Subcity liegt hundert Meter tief oder?“
Ahmed nickte.
„Wir brauchen sofort ein DSRV für Subcity.“ Er wartete die Antwort ab. „Es ist mir egal, wo ihr eins herbekommt. Laßt euch was einfallen.“
Er wandte sich wieder an Ahmed. „Wie‘s aussieht gibt es in Kenia keine DSRVs. Man versucht eins aus Südafrika zu holen.
Was ist mit ihrem?“
„Das ist ein Einsitzer mit kleinem Schott. Ich kann an da unten nicht Andocken. Außerdem ist die Hauptluke blockiert, möglicherweise muss eine neue in die Außenhaut geschnitten werden.“
Manal gab die zusätzliche Information sofort an die Küstenwache weiter, je umfangreicher das Wissen um die Situation, die man vorfinden würde, desto besser konnte man sich vorbereiten.
„Kannst du wieder runtergehen. Ich möchte genau wissen wie es da unten aussieht. Wenn möglich sag den Leuten, dass wir alles machen, was in unserer Macht steht.“

Das schlimmste war das warten.
In ruhigen Minuten lauschte Michel, ob er da draußen das Geräusch einer Maschine hören würde, aber MHD-Triebwerke waren nicht besonders laut. Ansonsten half er die Verwundeten zu versorgen. Aber auch da konnte er nicht mehr viel machen, die Brüche waren geschient, die meisten Blutungen gestillt. Von Zeit zu Zeit musste ein durchgeweichter Verband gewechselt werden. Übel war es, wenn er abwägen musste, wem man noch Schmerzmittel geben konnte. Manche konnten mit einem gebrochenen Arm noch ganz gut umgehen, andere sahen so aus, als ob sie in Agonie vergehen würden.
Jens wünschte, er hätte was zu tun, eine Aufgabe, die fordern und ablenken würde. Aber da war nichts mehr außer warten. Die Beruhigungsmittel hielt er jetzt bereit für die Mitgefangenen die anfingen durchzudrehen, das letzte mal hatte er es kaum noch geschafft eine Frau mit Worten zu beruhigen. Er fragte sich, wie lange er selbst dieser Belastung noch standhalten konnte.
Langsam Schritt er die Außenhülle ab, er zählte acht Rinnsale. Nicht, dass es viel gab, was man dagegen machen konnte, geschweige denn, dass er aus seiner Inspektion irgendwelche Rückschlüsse auf die verbleibende Zeit ableiten konnte.
Jens versuchte abzuschätzen ob der Wassereinbruch seit seinem letzten Rundgang zugenommen hatte aber er hatte keine Anhaltspunkte dafür. Das Wasser sickerte unter die Bodenplatten, bestimmt gab es einen Zugang zu dieser Bilge, aber Jens wusste nicht wo.
Plötzlich sah er ein Licht vor dem Bullauge. Beinahe hätte er das für eine Täuschung gehalten, die Nerven oder sowas. Aber es war immernoch da, als er das zweite mal hinsah. Jens konnte in dem aufgewühlten Wasser nicht genau sehen, was da draußen war, aber das über Subcity streifende Licht zeigte ihm deutlich, dass jemand sich den Schaden ansah. Er musste eine Möglichkeit finden mit dem Boot Kontakt aufzunehmen.
Jens lief schnell zurück zum Krankenlager, wo sie die gesammelten Taschenlampen gehortet hatten. Er schnappte sich die beiden stärksten und stolperte fast über seine eigenen Füße, als er zu dem Fenster rannte, an dem er die Lichter das letzte mal gesehen hatte.
„Was ist los?“ Rief ihm jemand nach.
„Ein U-Boot!“ Schrie Jens etwas zu schrill und ein wenig zu laut.
Schnell vergewisserte er sich, das die Scheinwerfer noch da draußen waren, zu erst konnte er sie nicht entdecken, aber dann sah er doch den schwachen Widerschein, ein Stück weiter die Station entlang. Er lief zum nächsten Bullauge und hielt die brennende Taschenlampe an das Bullauge. Es dauerte nicht lange, bis jeder der sich noch auf den Beinen halten konnte sich um die Bullaugen drängte.
Aber die Taschenlampen schienen nicht stark genug zu sein, um die Aufmerksamkeit den Piloten zu erregen, oder er schaute einfach gerade in die andere Richtung.
Jens zögerte einen Augenblick, aber dann schlug er das Metallgehäuse der Lampe gegen die Stahlwand. Schallwellen trugen unter Wasser sehr Weit, der Pilot musste ihn einfach hören.

Thomas strich mit der Hand über die salzige Außenhaut des DSRV, seiner eigenen Entwicklung, und es sollte in zwei Tagen an die Südafrikanische Regierung übergeben werden.
Bis dahin waren aber noch ein paar hundert Seemeilen zurückzulegen, im Moment lag das Tragflächenboot auf dessen Rücken das DSRV montiert war vor dem Hafen Dar-Es-Salam, sie lagen gut im Zeitplan, sodass Käpt’n Moore den Matrosen einige Stunden Landgang gewährt hatte.
Thomas nutzte die Ruhe an Deck, um das Rettungsboot noch einmal vom Bug bis zu Heck durchzuchecken. Das DSRV war das erste einer völlig neuen Generation. Während die alten nur bis maximal 45° an ein verunglücktes U-Boot andocken konnten, konnte sein Baby der zweiten Generation in wirklich jedem beliebigen Winkel daran festmachen.
„Ist das Boot klar?“ Rief Gunnar, sein Chefingenieur, während er die Stufen von der Brücke hinuntersprang.
„Ja, sicher.“
„Gut. Wir müssen sofort los.“
„Was? Haben es die Südafrikaner so Eilig das DSRV zu bekommen?“
„Nein. Ein Unglück von Kenia. Wir laufen in Zehn Minuten aus.“
„Und was ist mit der Crew?“
„Was an Bord ist muss reichen. Wir haben keine Zeit zu warten.“
„Es bringt Unglück, ein Schiff vor der Taufe einzusetzen.“ Kommentierte Thomas trocken, als er sich daran machte die Ketten zu sichern, um das DSRV wieder reisefertig zu machen.
„Die da unten werden noch mehr Unglück haben, wenn wir nicht schnell genug da sind.“
Thomas nickte. Eine Feuerprobe also. Aber Thomas Becker war sicher, dass sein Baby den Anforderungen gerecht werden würde.

 

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